Wenn Nettigkeit zur Pflicht wird.
Sie ist voll im Gange. Diese geschäftige, gefühlsduselige Zeit, in der viele Menschen versuchen, nur noch nett und liebevoll zu sein – oft wider ihre Natur. Es ist eine Ausnahmesituation, die vorschreibt, wie frau oder man zu sein hat. Die Vorbereitung auf eine Geburtstagsparty – getränkt von Liebe und Kitsch. Und vom Ansporn, großartige Geschenke zu machen, um andere zu beeindrucken. Je teurer, desto mehr Liebe steckt drin.
Und hier spreche ich nicht gegen die Idee von Weihnachten an sich. Ganz im Gegenteil: Ich spreche gegen das, was sich daraus entwickelt hat. Wochenlang reißen sich die Menschen zusammen und versuchen sich unter von außen vorgegebenen Umständen liebevoll und freundlich zu verhalten. Sie bereiten sich auf den Heiligen Abend vor: dekorieren die Wohnung, hängen Lichterketten auf, suchen Geschenke für die Liebsten.
Und wenn am Festtag die Anspannung nachlässt, macht sie Raum für all die unterdrückten negativen Gefühle der letzten Zeit. Oft genügt ein kleiner Auslöser – ein Geschenk, das nicht gefällt oder im Auspackrausch nicht genug gewürdigt wird –, manchmal eine harmlose Bemerkung, und schon ist es vorbei mit dieser liebesschwangeren Stimmung.
Mit Urgewalt bricht das zutiefst Menschliche durch: Beleidigungen oder beleidigt sein. Tränen, Schimpfen, an sich und an anderen zweifeln. Aus Liebe wird Hass, aus Nettigkeit wird Gemeinheit. Und ja, ich weiß genau, wovon ich hier spreche. Denn Weihnachten lief bei mir in meiner Familie früher genau nach diesem Muster ab.
So die Vorstellung: dieses eine besondere Fest im Jahr gebührend im Kreis der Familie zu feiern, mit ausgesuchten Geschenken den Liebsten die Wertschätzung zu geben – angefeuert durch das verklärte Bild absoluter Harmonie im Kopf.
Zum einen, weil diese Erwartungshaltung der absoluten Harmonie nicht realistisch ist. Diese Harmonie kann nicht entstehen, wenn du dich bereits in den Vorbereitungen erschöpfst: für viele Menschen Geschenke auswählen, sich das Menü für die Feiertage überlegen, auf Weihnachtsfeiern und Christkindlmärkte gehen. Denn all das addiert sich zum normalen Alltag hinzu. Vergiss das nicht! Es macht Spaß, aber da es emotional sehr berührend ist, kostet es viel Energie.
Zum anderen geht diese emotionale Verblendung nicht konform mit dem realen Leben, weil der Mensch einfach Mensch ist. Weil es nicht in deiner Kontrolle liegt, wie andere reagieren. Weil du nicht von dir auf andere schließen kannst. Und weil sich Menschen nicht plötzlich ändern, nur weil Weihnachten ist!
Alle Befindlichkeiten werden während dieser Vorbereitungen beiseitegeschoben, ignoriert, übergangen – sie passen nicht ins Bild. Aber sie sind nicht weg!
Am Weihnachtsabend, dann, wenn sich die Menschen zusammensetzen – und die meisten erscheinen mit dem Bild der perfekten Harmonie im Kopf – haben sie ihre übergangenen Befindlichkeiten, ihre Bedürfnisse mit einem dicken Zuckerguss der Liebe überdeckt. Es genügt eine Bemerkung, ein schiefer Blick, ein Schulterzucken, und der Zuckerguss platzt mit einem großen Knall ab.
Plötzlich liegen all diese unterdrückten Gefühle offen und verschaffen sich genau die Aufmerksamkeit, die sie vermisst haben. Geballt. Gewaltig. Angewachsen zu einem großen Monster, zu dem jede und jeder der Anwesenden beigetragen hat.
Es genügt eine Bemerkung, ein schiefer Blick, ein Schulterzucken, und der Zuckerguss platzt mit einem großen Knall ab.
Stopp! Es ist Weihnachten! Lass uns wieder friedlicher werden!
Doch dann frag ich dich: Warum gerade an Weihnachten?
Mal ehrlich: Wäre es nicht geschickter, diese Vorstellung von Harmonie und Liebe für 365 Tage im Jahr zu leben? Und das meine ich ernst. Allerdings nicht mit dieser emotionalen Verblendung.
Meine Vision ist, dass Menschen eine Haltung einnehmen, die sie friedlicher durch das Leben gehen lässt. Dass sie sich ihrer Befindlichkeiten und Bedürfnisse bewusster werden, und lernen, ihnen gerecht zu werden. Vor allem sich selbst gegenüber. Sodass es an Weihnachten nichts mehr gibt, was mit Zuckerguss überdeckt werden muss.
Sich lösen von Erwartungshaltung anderen gegenüber. Und eine Haltung zum Leben und zu den Menschen entwickeln, die durch Bemerkungen oder schiefe Blicke nicht erschüttert werden kann. Weil diese Menschen ganz bei sich sind. Weil sie mit sich selbst klar sind.
Ja, wir sind bei Selbstliebe angekommen. Auch wenn ich den Begriff kaum noch verwenden mag. Er wird mir zu allgemein und zu inflationär gebraucht. Denn bei der Selbstliebe geht es nicht allein darum, dich so zu lieben, wie du bist. – Ende und Punkt.
Für mich ist sie der Ausgangspunkt, von dem aus du die beste Möglichkeit hast, dich weiterzuentwickeln. Es ist kein starres Ziel. Es ist ein Prozess. Einer, in dem du lernst, mit einem liebevollen Blick auf all deine Stärken und Schwächen zu schauen. Offen, interessiert und ohne Bewertung. Um Konditionierungen und Automatismen zu erkennen und dich von undienlichen Gedanken oder Verhalten zu lösen.
Du schaffst dir neue neuronale Pfade, damit du dein Leben bewusster und klarer leben kannst. Weg von dem Gedanken: So bin ich halt! Hin zu einem klaren Bild von dir: So will ich sein. So sehe ich mich. So entspricht es meiner Natur, meinem Seelenweg, meiner besten Version von mir.
Ist das nicht der viel bessere Weg, als sich zur Weihnachtszeit Engelsflügel umzubinden – nur um sie nach den Festtagen wieder in den Schrank zu stopfen? Erleichtert, dass die unbequemen Dinger endlich weg sind, um in den gewohnten Alltag zurückzukehren. Während im Hintergrund der Gedanke nagt: „Hoffentlich nistet sich bis nächstes Jahr kein Ungeziefer ein.“
halte einen Moment inne und frage dich: „Was wünsche ich mir?“
Nicht im Sinne materieller Dinge. Nicht der neue Airfryer, nicht das Parfum oder der schöne Schmuck. Sondern das, was dein Herz sich gerade wünscht. Etwas, das du ihm geben kannst – genau in dem Moment, in dem dieser Wunsch auftaucht.
Ein weiteres Geschenk machst du dir, wenn du dich von deiner Erwartungshaltung an ein harmonisches Fest löst. Und mit dem Wissen zur Weihnachtsfeier gehst, dass jede anwesende Person ihr eigenes Päckchen Vorweihnachtsstress mitbringt – fein mit Zuckerguss bedeckt – und unter den Weihnachtsbaum legt.
Pack deins nicht dazu!
Kommt dann ein schiefer Blick, eine Bemerkung – etwas, das dich triggert: Halte kurz inne. Atme zwei-, dreimal ruhig ein und aus. Warte, bis die emotionale Welle abebbt – und nasche gedanklich vom Zuckerguss. Dann reagierst du liebevoll und nachsichtig.
„Schade, dass ich mit meinem Geschenk deinen Geschmack nicht getroffen habe. Hast du eine Idee, wie wir das ändern können?“
Oder:
„Die Gans war tatsächlich etwas zu lange im Ofen. Wollen wir das Fleisch in dünnere Scheiben schneiden, damit es besser zu kauen ist? Geschmacklich ist sie hervorragend.“
(Das war übrigens Nummer-eins-Drama bei uns letztes Weihnachten.)
Was denkst du über meine Vision: 365 Tage im Jahr mit einer liebevollen Haltung durchs Leben zu gehen?
Dieser Artikel entstand während des Adventskalenders 2025, der als Vorlage für das Programm Stop the Loop diente.
Sabine M. Paul, Strategin für Innere Souveränität. Ich arbeite mit Frauen, die nach außen gut funktionieren und innen etwas anderes spüren. Mehr über mich →
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