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Von Fliegen und Wespen

Seit heute früh um acht beobachte ich die eine Fliege bei ihren Versuchen, endlich durch das Küchenfenster nach draußen zu gelangen. Dabei scheint sie an der Scheibe zu kleben, krabbelt auf und krabbelt ab und hin und her. Unermüdlich und immer wieder. Ab und an startet sie, dieser Situation mit einer zweiten Methode zu entkommen. Sie hebt kurz ab und fliegt auf die Scheibe zu, als ob sie nicht mehr vorhanden ist. Ein kurzes verdutztes Innehalten und das Spiel startet von vorne. Inzwischen ist es Nachmittag und die Fliege hat bis jetzt noch nicht aufgegeben. Dabei ist das Fenster gekippt. Sie bräuchte nur genauer schauen, vielleicht überlegen, wie sie hineingekommen ist.

Wenn sich Wespen in ein Zimmer verirren, zeigen sie eine andere Taktik. Sturköpfig und aggressiv wollen sie einfach nicht wahrhaben, dass da eine Scheibe ist, und versuchen mit Schwung durchzufliegen. Meine Versuche, Ihnen den richtigen Schubs nach draußen zu geben, habe ich inzwischen eingestellt. Eine Fliege hebt panisch ab und fliegt dann in der Wohnung herum. Die Wespe lässt sich einfach nach unten fallen und verheddert sich in den Pflanzen.

Ich würde ihnen wünschen, sie hielten einfach inne und suchen sich systematisch einen Weg nach draußen. Gut, es sind Wesen der Natur, die auf solche Situationen nicht vorbereitet sind und Fensterscheiben wachsen schließlich auch nicht in der Natur.

Während ich das schreibe bildet sich die Metapher mit Menschen, wie viele unserer Artgenossen legen gleiches oder zumindest ähnliches Verhalten an den Tag?

Krabbeln täglich im Job herum mit der Fluchtgedanken im Hinterkopf. Sie wissen genau, ich muss hier raus. Doch der gewohnte festgetrampelte Trott des Lebens lässt sie nicht innehalten und Alternativen finden. So wächst der Unmut, der den Druck steigen lässt.

Sie nehmen Anlauf, um mit aller Kraft durch die Scheibe zu kommen. Mit einem „aber jetzt“ werden die Hindernisse ausgeblendet. Und just mit einem Knall landen sie dann auf dem Boden der Tatsachen. Noch etwas benommen taumeln sie auf und ab und hin und her. Ergeben sich dem Schicksal, bis der Druck wieder wächst und sie erneut abheben zum nächsten Knall: Ein Streit mit dem Nachbarn, eine Beleidigung an Kollegen, gemischt mit Alkohol kann es sogar zur Pöbelei oder einer handgreiflichen Auseinandersetzung ausarten.

Sicherlich wurdest du auch schon grundlos von anderen Menschen angeschnauzt. Aus dem Nichts heraus blöd angemacht.

Eine Fliege oder eine Wespe, die sich in einem Raum verirrt, wird höchstwahrscheinlich auch in 10 oder 20 Jahren noch keine Lösung gefunden haben und weitermachen, wie ihre Vorgänger es tun, seit es Scheiben gibt.

Doch wie sieht es bei dir aus?

Wo ist deine Scheibe, die dich daran hindert, dein Leben so zu leben, wie es deinen Vorstellungen entspricht?

Was kannst du entdecken, wenn du durch diese Scheibe schaust? Wann schlüpfst du durch die Lücke, die dir das gekippte Fenster bietet und traust dich in die Freiheit?

Heute – Morgen – …?

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. Sabine

    Liebe Sabine, was ist der bloggenden und lesenden Welt bisher entgangen! Und wie schön, dass Du auf so elegante und kluge Weise die Scheibe passiert hast (falls da überhaupt eine war…)

    Um Deine Frage zu beantworten: Ich bin letztes Jahr vom Leben mit Schwung durch die Scheibe hindurchgeworfen worden. Da sind auch immer noch ein paar Narben. Aber es fühlt sich inzwischen auch gut an hier draußen.

    Bitte unbedingt weiterschreiben!!!

    Herzliche Grüße

    Sabine

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