Von Fliegen und Wespen

Sabine M. Paul // März 10 // 1 Comments

Kennst du Storyteller?

Diese wunderschönen Skulpturen, die eine Frau oder einen Mann zeigen, meist mit offenem Mund. Sie halten viele Kinder im Arm, die gespannt ihren Geschichten und Liedern lauschen.

Ihren Ursprung haben sie von den Pueblo in New Mexiko.

Meine Tante, mit der ich vor vielen Jahren in Taos war, haben sie gleich fasziniert. Ich fand sie damals ganz nett, ich war zu jung und ungeduldig, wollte höher, größer, weiter, nur nicht lange aufhalten.

Ein paar Jahre später reiste sie mit meinen Eltern nach Taos, da war es um sie geschehen. Sie entdeckte eine Storyteller-Figur in die sie sich sofort verliebte.

Zum Kaufen konnte sich meine Tante nicht gleich entscheiden, diese Erzählerin hatte ihren Preis: zu teuer, beschloss sie.

Doch es ließ sie nicht los, fast täglich ging sie hin, schlich um die Figur herum, nahm sie in die Hand - und entschied sich dagegen. Bis eines Tages diese Erzählerin nicht mehr da war.

Erst enttäuscht und dann wütend über sich selbst, fragte sie sich: Warum habe ich gezögert? Es ist auch nicht so, dass sie es sich nicht hätte leisten können.

Jetzt suchte sie sich Ausreden, warum es gut war, ihrem Impuls nicht zu folgen. Ich kenne meine Tante, das muss ihr unsäglich schwergefallen sein.

Zwei Wochen später, wieder zurück bei ihr daheim in Oakland, Kalifornien, war ihr Geburtstag.

Wahrscheinlich kannst du dir denken, was jetzt kommt. Am Morgen stand ein fein verhülltes Geschenk auf ihrem Tisch. Den Glücksschrei habe ich bis nach München gehört, als sie es auspackte.

Hatte mein Vater heimlich diese Skulptur erworben, um es seiner Schwester zu schenken. Solche Aktionen liebe ich.

So bekam sie einen Ehrenplatz im Wohnzimmer. Bis 1991 ein Feuersturm Oakland in Schutt und Asche legte. Ihr Haus war eines der Ersten, dass ein Opfer der Flammen wurde.

Ich möchte jetzt nicht weiter auf den Verlust des Heimes und auf das Trauma eingehen, das ist eine andere Geschichte.

Nach einer gefühlt unendlich langen Zeit des Bangens und Hoffens durfte sie zu ihrem ehemaligen Haus zurück, um zu sehen, was die Flammen übriggelassen hatten. Der erste Blick war erschreckend, ein Kamin, der wie ein Mahnmal aus dem Aschehaufen ragte, gab ein wenig Orientierung, wo sich einst welcher Raum befand. Sie fing an zu graben, fand einen Metallklumpen, der wohl mal ihre Waschmaschine war. Irgendetwas muss doch heil geblieben sein! Nachdem sie sich eine Stunde lang durch die Asche gewühlt hatte und schon aufgeben wollte, fand sie die Storytellerin.

Puh, ich glaube dieser Juchzer, war auch bis München zu hören. Dieser Schrei hallt nach - ich kann ihn heute noch vernehmen.

Das Wunder daran ist, sie ist so gut wie unbeschädigt.

Ein Schutzengel? Ist diese Figur der Schutzengel meiner Tante? Gab es darum diese innige Beziehung auf den ersten Blick?

Als ich sie vor vier Jahren das letzte Mal besuchte, habe ich ihr ein Storyteller-Bild gezeichnet. Hier erzählt eine Affenmama den Kindern die wundervollen Geschichten, die das Leben schreibt. Mit Affen, weil meine Tante Affen liebt. Natürlich konnte ich es nicht lassen ihre heißgeliebte Figur zu fotografieren.

Hast du auch einen Herzenswunsch, dem du nicht gleich gefolgt bist?

Ich freue mich auf deine Geschichte.

Alles Liebe

Sabine

Seit heute früh um acht beobachte ich die eine Fliege bei ihren Versuchen, endlich durch das Küchenfenster nach draußen zu gelangen. Dabei scheint sie an der Scheibe zu kleben, krabbelt auf und krabbelt ab und hin und her. Unermüdlich und immer wieder. Ab und an startet sie, dieser Situation mit einer zweiten Methode zu entkommen. Sie hebt kurz ab und fliegt auf die Scheibe zu, als ob sie nicht mehr vorhanden ist. Ein kurzes verdutztes Innehalten und das Spiel startet von vorne. Inzwischen ist es Nachmittag und die Fliege hat bis jetzt noch nicht aufgegeben. Dabei ist das Fenster gekippt. Sie bräuchte nur genauer schauen, vielleicht überlegen, wie sie hineingekommen ist.

Wenn sich Wespen in ein Zimmer verirren, zeigen sie eine andere Taktik. Sturköpfig und aggressiv wollen sie einfach nicht wahrhaben, dass da eine Scheibe ist, und versuchen mit Schwung durchzufliegen. Meine Versuche, Ihnen den richtigen Schubs nach draußen zu geben, habe ich inzwischen eingestellt. Eine Fliege hebt panisch ab und fliegt dann in der Wohnung herum. Die Wespe lässt sich einfach nach unten fallen und verheddert sich in den Pflanzen.

Ich würde ihnen wünschen, sie hielten einfach inne und suchen sich systematisch einen Weg nach draußen. Gut, es sind Wesen der Natur, die auf solche Situationen nicht vorbereitet sind und Fensterscheiben wachsen schließlich auch nicht in der Natur.

Während ich das schreibe bildet sich die Metapher mit Menschen, wie viele unserer Artgenossen legen gleiches oder zumindest ähnliches Verhalten an den Tag?

Krabbeln täglich im Job herum mit der Fluchtgedanken im Hinterkopf. Sie wissen genau, ich muss hier raus. Doch der gewohnte festgetrampelte Trott des Lebens lässt sie nicht innehalten und Alternativen finden. So wächst der Unmut, der den Druck steigen lässt.

Sie nehmen Anlauf, um mit aller Kraft durch die Scheibe zu kommen. Mit einem „aber jetzt“ werden die Hindernisse ausgeblendet. Und just mit einem Knall landen sie dann auf dem Boden der Tatsachen. Noch etwas benommen taumeln sie auf und ab und hin und her. Ergeben sich dem Schicksal, bis der Druck wieder wächst und sie erneut abheben zum nächsten Knall: Ein Streit mit dem Nachbarn, eine Beleidigung an Kollegen, gemischt mit Alkohol kann es sogar zur Pöbelei oder einer handgreiflichen Auseinandersetzung ausarten.

Sicherlich wurdest du auch schon grundlos von anderen Menschen angeschnauzt. Aus dem Nichts heraus blöd angemacht.

Eine Fliege oder eine Wespe, die sich in einem Raum verirrt, wird höchstwahrscheinlich auch in 10 oder 20 Jahren noch keine Lösung gefunden haben und weitermachen, wie ihre Vorgänger es tun, seit es Scheiben gibt.

Doch wie sieht es bei dir aus?

Wo ist deine Scheibe, die dich daran hindert, dein Leben so zu leben, wie es deinen Vorstellungen entspricht?

Was kannst du entdecken, wenn du durch diese Scheibe schaust? Wann schlüpfst du durch die Lücke, die dir das gekippte Fenster bietet und traust dich in die Freiheit?

Heute – Morgen – …?

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